Colloquium Wed 26.05.2021

Ort: ZOOM
Zeit: 18:00–19:30

18:00 Prof. Dr. Mathias Urban (School of Language, Literacy & Early Childhood Education . Dublin City University):

Thema: Forschung in der Krise? Gedanken zur Notwendigkeit und Möglichkeit der Rekonzeptualisierung frühkindlicher Bildungsforschung in unsicheren Zeiten

Es ist eine weltweite Erfolgsgeschichte. In den drei Jahrzehnten nach dem Inkrafttreten der UN-Kinderrechtskonvention hat die frühe Kindheit einen festen Platz auf nationalen und globalen politischen Agenden eingenommen. Hochrangige Politikdokumente wie die aktuellen Beschlüsse des Rats der Europäischen Union (2019) und die 2030 Sustainable Development Goals (um nur zwei Beispiele zu nennen) stellen frühe Kindheit in direkten Zusammenhang mit existentiellen geopolitischen Fragen. Verbunden damit ist der Konsens - wesentlich befördert durch trans-nationale Organisationen wie die OECD - das die Teilnahme an frühen Bildungsprogrammen (Early Childhood Education and Care) auf vielen Ebenen nützlich und von Vorteil ist: für junge Kinder und ihre Familien, aber auch für das Gemeinwesen und die gesamte Gesellschaft.
Der breite Konsens globaler politischer Akteure wirft allerdings Fragen auf, mit denen sich die frühkindliche Bildungsforschung dringend auseinandersetzen muss. Wir Bildungsforscher*innen haben Teil an der weltweiten Erfolgsgeschichte der frühen Kindheit: akademische Strukturen, disziplinäre Selbstvergewisserung, und individuelle wissenschaftliche Karrieren profitieren davon, dass neben jungen Kindern ein gesamter Lebensabschnitt, eine ‚kritische Periode im Menschenleben‘ (Woodhead, 1996) zum Gegenstand wissenschaftlicher Problematisierung geworden ist. Wir sind in einem Maße etabliert - angekommen! - das vor nicht allzu langer Zeit für manche unvorstellbar war. Um ein Konzept von Thomas Kuhn (1962) zu bemühen: frühe Bildungsforschung hat sich von der akademischen Seitenlinie zur ‚Normal Science‘ emanzipiert.
Aus kritisch-provokativer Perspektive muss allerdings festgestellt werden, dass die frühe Bildungsforschung genau damit sich selbst zum Problem geworden ist: Die disziplinären Spielregeln sind vereinbart; die zu beforschenden Fragen sind identifiziert; es herrscht (!) weitgehender Konsens über die angemessenen Methoden.
Die aktuelle Konvergenz existentieller globaler Krisen - Pandemie, Klima, Demokratie - fordert unsere kritische Bestandsaufnahme heraus: wie können wir die ‚Summe der gesellschaftliche Reaktionen auf die Entwicklungstatsache‘ (Bernfeld) in kritischer Zeit verstehen, kritisch be- und hinterfragen, und angemessen theoretisch rahmen? Welche Fragen gilt es zu stellen; welche Akteure ernst zu nehmen? Welche (neuen und alten) Allianzen können dabei hilfreich sein?
Die übergreifende Frage ist, können wir die frühe Bildungsforschung als ein kritisches Element notwendiger trans-disziplinärer Neuorientierung radikal neu konzeptualisieren? In meinem Beitrag argumentiere ich, dass wir kaum eine andere Wahl haben.

ZOOM-Link bitte erfragen bei: nadin.klueber@fh-potsdam.de